# DE 0030 FREGE UND HINTIKKA
Ich habe versprochen hier laut darüber nachzudenken, was Jaakko Hintikka zur Logik Freges zu sagen hat. Das ist natürlich ein sehr weites Thema und für mich sehr kompliziert. Ich persönlich kenne und schätze Hintikka hauptsächlich als Kommentator der Philosophie (bzw. Logik) Freges und Wittgensteins. Aber für sein Verhältnis zu Frege und seiner Lehre sind Hintikkas eigene Entwicklungen in Sprachphilosophie und Logik und auf anderen Gebieten wesentlich, und darüber weiß ich so gut wie gar nichts. Wir werden also versuchen müssen das jedenfalls zum Teil zusammen zu entdecken.
Hintikka hat unter anderem ein Interesse daran eine Logik (oder die Logik) der Sprache zu entwickeln, die zumindest einige Unzulänglichkeiten der mit Berufung auf Frege oder in der Folge Freges entwickelten Quantorenlogik in Bezug auf wirkliche sprachliche Situationen überwindet. Zu berücksichtigen ist dabei, dass Frege nicht die Absicht hatte die Logik der Sprache zu entwickeln, sondern den Entwurf seiner Gedankensprache wenigstens zunächst spezifisch auf die Grundlegung der Arithmetik beschränken wollte. Ein anderer wichtiger Aspekt der Frage bezieht sich auf die Feststellung, dass die späteren Entwicklungen der Logik, zumal im Anschluss an Tarski, sich auf semantische Wahrheitstheorien stützen, die Frege absolut fremd waren. Natürlich ist Hintikka sich dieses Unterschieds vollkommen bewusst. Aber wenn er Frege unter dem Aspekt seiner eigenen Vorschläge diskutiert, ist nicht immer klar, habe ich den Eindruck, dass er diesen Unterschied selber scharf zieht.
Wir werden also hier zunächst hauptsächlich versuchen festzustellen, wie weit sich, was Hintikka als Unterschied seiner Vorschläge zu denen der traditionellen Logik seit Frege darstellt, tatsächlich auf den historischen Frege bezieht, oder vielmehr auf Auffassungen der Logik die sich in wesentlichen Punkten von den Lehren des Meisters aus Wismar unterscheiden. Das ist nicht nur aus Gründen der historischen Gerechtigkeit wichtig, sondern mag vielleicht auch ein Potential in dem Ansatz Freges aufzeigen, das Frege selber gar nicht genützt hat, und das deshalb auch ein neues Licht auf spätere Entwicklungen werfen kann.
Wittgenstein&ianismus
Tuesday, September 6, 2016
Saturday, August 27, 2016
Technische Effizienz in der Handhabung formaler Sprachen und die philosophische Tiefe
# DE 0029
Der Ursprung der analytischen Philosophie und die Trivialisierung der Philosophie:
Nachwort (Fortsetzung)
Hier befindet sich die Vorgeschichte dieser Serie von Kommentaren:
http://kurtwischin.blogspot.mx/
Ich will nun zunächst einmal, wie versprochen, das Beispiel aus meinem spanischen Artikel nacherzählen, um den Sinn verständlich zu machen, in dem es scheinen könnte, dass die größere technische Effizienz in der Handhabung formaler Sprachen manchmal philosophische Probleme unsichtbar machen könnte, statt sie zu lösen.
Spanisch sprechende Leser können die gesamte Geschichte vielleicht besser hier lesen:
http://gredos.usal.es/jspui/bitstream/10366/129734/1/2015%20Wischin%20Analitica.pdf
auf deutsch gibt es hier nun nur eine verkürzte Darstellung davon.
In dem verlinkten Artikel habe ich versucht dem Gedanken von Hans Sluga (1999) nachzugehen, der nahelegt, dass die Entwicklung technischer Fertigkeit in der Handhabung formaler und formalisierter Sprachen, ausgehend von den Bemühungen Hilberts und noch einmal verstärkt von dem Impuls, der von den Arbeiten Tarskis und - unter seinem Einfluss - Carnaps ausging, zu einem Verlust philosophischer Tiefe geführt hat. Ein Beispiel in meinem Artikel soll einen Aspekt zeigen, den dieser Verlust an Tiefe vielleicht annehmen mag:
Ich ging dabei aus von Tarskis berühmter Definition der Wahrheit:
Der Ursprung der analytischen Philosophie und die Trivialisierung der Philosophie:
Nachwort (Fortsetzung)
Hier befindet sich die Vorgeschichte dieser Serie von Kommentaren:
http://kurtwischin.blogspot.mx/
Ich will nun zunächst einmal, wie versprochen, das Beispiel aus meinem spanischen Artikel nacherzählen, um den Sinn verständlich zu machen, in dem es scheinen könnte, dass die größere technische Effizienz in der Handhabung formaler Sprachen manchmal philosophische Probleme unsichtbar machen könnte, statt sie zu lösen.
Spanisch sprechende Leser können die gesamte Geschichte vielleicht besser hier lesen:
http://gredos.usal.es/jspui/bitstream/10366/129734/1/2015%20Wischin%20Analitica.pdf
auf deutsch gibt es hier nun nur eine verkürzte Darstellung davon.
In dem verlinkten Artikel habe ich versucht dem Gedanken von Hans Sluga (1999) nachzugehen, der nahelegt, dass die Entwicklung technischer Fertigkeit in der Handhabung formaler und formalisierter Sprachen, ausgehend von den Bemühungen Hilberts und noch einmal verstärkt von dem Impuls, der von den Arbeiten Tarskis und - unter seinem Einfluss - Carnaps ausging, zu einem Verlust philosophischer Tiefe geführt hat. Ein Beispiel in meinem Artikel soll einen Aspekt zeigen, den dieser Verlust an Tiefe vielleicht annehmen mag:
Ich ging dabei aus von Tarskis berühmter Definition der Wahrheit:
(1) "Schnee ist weiß" ist wahr dann und nur dann, wenn Schnee weiß ist (1935, 247)
und versuchte zu zeigen, dass es Bedingungen gibt, in denen sie Schwierigkeiten in unserem Verständnis des Zusammenhangs der sprachlichen Mittel mit dem, was sprachlich dargestellt wird, verdeckt. Mein Beispiel für solche Bedingungen war inspiriert en einem Satz aus dem Abschnitt 3.24 des Tractatus:
Dass ein Satzelement einen Komplex bezeichnet, kann man aus seiner Unbestimmtheit in den Sätzen sehen, worin es vorkommt. Wir wissen, durch diesen Satz ist noch nicht alles bestimmt.Als Beispiel für ein Satzelement, das einen Komplex bezeichnet, der noch unbestimmt ist, nahm ich den Satz:
Thomas schuldet Geld
und behauptete dann, dass Tarski die Wahrheit dieses Satzes ebenso wie die vom Schnee feststellen würde:
"Thomas schuldet Geld" ist wahr dann und nur dann, wenn Thomas Geld schuldet
Daran ist natürlich, an und für sich, nichts auszusetzen, so wie Tarski die Wahrheit definiert. Wenn man aber glaubt, dass diese Definition der Wahrheit irgend etwas damit zu tun hat, wie sich unsere sprachlichen Aussagen in der Wirklichkeit bewähren, dann mag dieses Beispiel dazu dienen, sichtbar zu machen, dass dem nicht so ist.
Jedenfalls in dem Aufsatz, dem ich den Satz (1) entnommen habe, legt Tarski nahe, dass seine Definition der Wahrheit eine Form der Korrespondenztheorie der Wahrheit in einem aristotelischen Sinn darstellt, aber den Vorteil hat, dass sie unangenehme Situationen wie zum Beispiel das Lügnerparadox vermeidet. Wenn das so ist, (und vielfach wird das angenommen), dann müsste es eine konkrete Situation geben, mit der der Satz von der monetären Schuld Thomas' korrespondiert.
Dem ist aber nicht so. Thomas kann im wirklichen Leben nicht einfach Geld schulden; er muss vielmehr eine bestimmte Summe in einer bestimmten Währung einer bestimmten Person ab einem bestimmten Datum schulden. Der Satz von den Schulden Thomas stellt keine konkrete, sondern eine allgemeine Situation dar. Aber allgemeine Situationen gibt es im wirklichen Leben nicht - wir befinden uns immer in konkreten Situationen.
Die Frage ist nicht, ob man zeigen kann, dass Tarskis Definition auch diese Situation deckt. Was das Beispiel ans Licht bringen soll, ist, dass die Definition Tarskis überhaupt nicht darauf abzielt den Zusammenhang zwischen Sprache und Wirklichkeit mit Hilfe einer Erklärung der Wahrheitsbedingungen von Sätzen zu erklären; und nicht nur das, man bekommt allzu leicht den Eindruck, dass diese Definition Tarskis alles klärt, was es philosophisch daran zu klären gibt.
* * * * *
SLUGA, Hans (1999). «Truth before Tarski». En Alfred Tarski and the Vienna Circle. Editado por Jan Wolenski y Eckehart Köhler. Dordrecht: Kluwer, pp. 27-41. DOI: 10.1007/978-94-017-0689-6_3
TARSKI, Alfred (1977). «Anhang. Wahrheit und Beweis». En Einführung in die
mathematische Logik. 5.ª Ed. Gotinga: Vendenhoeck y Ruprecht.
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